Die Zeitenwende, über die keiner redet

Für den Ukraine-Krieg wurde eine Zeitenwende ausgerufen und über Nacht ein Sondervermögen freigegeben. KI verändert Arbeit und Gesellschaft mindestens so tief – und trotzdem diskutieren wir über spätere Renten. Ein Widerspruch, den ich als Unternehmer nicht mehr verstehe.

Nachdenklicher Unternehmer schließt am Abend im ruhigen Büro seinen Laptop und wendet sich dem warmen Licht am Fenster zu – Sinnbild für zurückgewonnene Zeit durch künstliche Intelligenz

Ausgelöst hat diesen Beitrag ein Hörbuch über künstliche Intelligenz. Eine Aussage darin ist mir hängengeblieben, weil sie so nüchtern das Richtige trifft: KI ist nicht „ein neues Google“. Sie ist keine weitere Technologie, die uns ein paar Handgriffe abnimmt und den Alltag ein wenig bequemer macht. Sie ist eine Zeitenwende – vergleichbar mit dem Aufkommen des Internets, nur tiefgreifender und schneller.

Das Wort ist groß, ich weiß. Aber genau darum geht es. Wir haben in den letzten Jahren gelernt, wie sich eine Zeitenwende anfühlt, wenn Politik sie ernst nimmt. Und im Vergleich dazu wirkt der Umgang mit KI wie ein kollektives Wegschauen.

Erstgespräch

Was verändert KI konkret in Ihrem Betrieb?

Bevor die große gesellschaftliche Debatte geführt wird, entscheidet sich vieles im eigenen Unternehmen. Lassen Sie uns gemeinsam anschauen, welche Aufgaben in Ihrem Alltag heute schon KI übernehmen könnte – und was das für Ihr Team bedeutet.

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Was eine Zeitenwende bedeutet – und wie ernst wir sie nehmen können

Der Begriff „Zeitenwende“ ist in Deutschland aufgeladen. Am 27. Februar 2022, wenige Tage nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, benutzte Olaf Scholz ihn in seiner Regierungserklärung im Bundestag. Die Botschaft war unmissverständlich: Nichts ist mehr so, wie es war. Innerhalb kürzester Zeit wurde ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro auf den Weg gebracht, Prioritäten wurden über Nacht neu gesetzt, ganze Ressorts neu ausgerichtet. Man kann über jede einzelne Entscheidung streiten. Aber die Reaktion hatte ein Kaliber, das der wahrgenommenen Größe des Ereignisses entsprach: Die Zeitenwende wurde erkannt, benannt und mit Milliarden hinterlegt.

Genau dieses Kaliber vermisse ich beim Thema KI. Nicht, weil ich mir Panik wünsche oder das nächste Sondervermögen fordere. Sondern weil die Diskrepanz so auffällig ist: Bei einem geopolitischen Bruch reagiert die Politik entschlossen. Bei einem Bruch, der die Arbeitswelt, die Gesellschaft und unseren Umgang mit Wissen mindestens genauso tief verändern wird, herrscht seltsame Ruhe. Als wäre KI ein Software-Update, das man in Ruhe abwarten kann.

Dass diese Ruhe trügt, liegt an der Natur der Entwicklung. KI wächst nicht in geraden Schritten, sondern in Sprüngen – und deshalb unterschätzen wir sie systematisch. Warum das so ist, habe ich an anderer Stelle ausführlich beschrieben: Exponentiell statt linear: Warum die meisten den KI-Vorsprung unterschätzen. Der lineare Denkfehler, der einen einzelnen Unternehmer in falscher Ruhe wiegt, wiederholt sich auf der politischen Ebene – nur mit ungleich größeren Folgen.

Worüber wir reden – und worüber nicht

Wenn ich die Nachrichten verfolge, lese ich vor allem drei Botschaften, immer und immer wieder: Wir müssen später in Rente gehen. Eine Vier-Tage-Woche ist nicht machbar. Wir brauchen mehr Menschen zurück in Vollzeit. Alle drei Sätze folgen derselben Logik – der Logik des Mangels an Arbeitskraft, die aus mehr Stunden herausgeholt werden muss.

Ich sehe das Gegenteil. Nicht aus Idealismus, sondern weil ich die Verschiebung in meinen eigenen Unternehmen jeden Tag erlebe. Aufgaben, für die wir vor zwei Jahren noch Menschen und Stunden gebraucht haben, erledigen heute Systeme in Minuten. Das ist keine ferne Prognose, das ist gelebte Realität in einem kleinen Betrieb in Rostock. Und wenn das bei uns passiert, passiert es überall.

Die Frage ist nicht, wie wir mehr Arbeitsstunden aus den Menschen herausholen. Die Frage ist, wie wir die Arbeit, die noch von Menschen gemacht werden muss, anders verteilen.

Meine Überzeugung ist deshalb einfach und steht quer zur öffentlichen Debatte: Wir werden in Zukunft immer weniger arbeiten müssen. Nicht, weil wir fauler werden, sondern weil ein wachsender Teil der Arbeit schlicht nicht mehr von Menschen gemacht werden muss. Das ist keine Bedrohung, das ist eine Chance – aber nur, wenn wir sie gestalten, statt sie geschehen zu lassen. Wer sich fragt, ob KI dabei einfach Arbeitsplätze vernichtet, dem empfehle ich diese ehrliche Einordnung: Kostet KI Arbeitsplätze? Eine ehrliche Antwort für Unternehmer.

Die Fragen, die eigentlich auf den Tisch gehören

Wenn man diese Verschiebung ernst nimmt, ergeben sich zuerst nicht Antworten, sondern Fragen. Und es sind genau die Fragen, mit denen sich Politik heute beschäftigen müsste – lange bevor die Entwicklung voll durchschlägt:

  • Wie verteilen wir die Arbeit, die noch von Menschen gemacht werden muss? Wenn Maschinen einen großen Teil der Routine übernehmen, ist die alte Gleichung „mehr Wohlstand gleich mehr Arbeitsstunden“ nicht mehr gültig. Dann wird Verteilung zur eigentlichen Aufgabe.
  • Wer muss künftig überhaupt noch wie viel arbeiten – und in welchen Bereichen brauchen wir Menschen wirklich? Pflege, Erziehung, Handwerk, zwischenmenschliche Nähe, Verantwortung, Urteilskraft: Das sind Felder, in denen der Mensch nicht ersetzt, sondern gebraucht wird. Vieles andere nicht.
  • Wie sieht ein bedingungsloses Grundeinkommen aus, das nicht auf Sozialhilfeniveau liegt? Wenn Arbeit nicht mehr der alleinige Weg zum Einkommen ist, braucht es eine Absicherung, die ein gutes Leben ermöglicht – nicht das nackte Existenzminimum.
  • Wie leben wir gesellschaftlich zusammen, wenn Arbeit nicht mehr der Taktgeber ist? Arbeit strukturiert bis heute unseren Tag, unsere Identität, unseren sozialen Status. Wie sieht der Alltag eines Menschen mit wenig oder ohne Erwerbsarbeit aus – und was tritt an die Stelle der Arbeit, wenn sie an Gewicht verliert?

Ich habe auf keine dieser Fragen die fertige Antwort. Das ist auch nicht mein Punkt. Mein Punkt ist, dass diese Fragen überhaupt nicht gestellt werden – jedenfalls nicht dort, wo die Weichen gestellt werden.

Warum ich das bewusst positiv sehe

Über KI und Arbeit wird fast immer im Alarmton gesprochen: Jobverlust, Kontrollverlust, Abstieg. Ich möchte das ausdrücklich anders erzählen, weil ich glaube, dass die düstere Erzählung uns den Blick verstellt.

Denn was bedeutet weniger notwendige Arbeit, zu Ende gedacht? Mehr Zeit. Mehr Zeit für uns selbst. Mehr Zeit für das Zwischenmenschliche, das im heutigen Alltag als Erstes unter die Räder kommt. Mehr Zeit, sich selbst um die eigenen Kinder und um die Alten in der Familie zu kümmern – statt beide in Einrichtungen zur Betreuung abzugeben, nur weil zwischen Frühschicht und Feierabend niemand mehr Zeit hat. Weder für die Kinder noch für die Alten.

Das ist keine Utopie und keine romantische Verklärung. Es ist eine sehr konkrete Vorstellung davon, was mit der zurückgewonnenen Zeit möglich wäre. Ob wir diesen Weg gehen oder ob die gewonnene Zeit einfach in neuer Erwerbslosigkeit und Unsicherheit verpufft, ist keine technische, sondern eine politische und gesellschaftliche Entscheidung. Und genau deshalb ist es fahrlässig, sie nicht zu treffen.

Was dafür nötig wäre: ein echter Systemumbruch

Damit aus dieser Chance kein Bruch wird, an dem viele Menschen scheitern, braucht es mehr als ein paar Förderprogramme. Es braucht einen echten Systemumbruch – eine Zeitenwende im wörtlichen Sinne, die die Menschen und vor allem die nächste Generation auf die veränderte Welt vorbereitet.

Das beginnt bei der Bildung, und zwar auf der gesamten Strecke von der Schule über die Ausbildung bis zum Studium. Diese Systeme bereiten heute noch weitgehend auf eine Arbeitswelt vor, die es in dieser Form bald nicht mehr geben wird. Wir bringen jungen Menschen bei, Aufgaben abzuarbeiten, die in wenigen Jahren Maschinen übernehmen – und vernachlässigen das, was Menschen dann noch auszeichnet: Urteilskraft, Kreativität, Verantwortung, den Umgang miteinander. Ein Bildungssystem, das diese Verschiebung ignoriert, produziert Enttäuschung mit Ansage.

Die beiden Gruppen, die niemand mitdenkt

Wenn ich über die konkreten Folgen nachdenke, gibt es zwei Gruppen von Menschen, die in der öffentlichen Debatte praktisch nicht vorkommen – obwohl es sie am direktesten trifft.

Die erste Gruppe sind die jungen Menschen. Sie werden gerade für eine Arbeitswelt ausgebildet und starten voller Erwartungen in sie hinein – in eine Arbeitswelt, die es so bald nicht mehr geben wird. Sie lernen Berufe und Routinen, deren Kern sich unter ihren Füßen verschiebt, während sie noch in der Ausbildung sitzen. Ihnen schulden wir eine ehrliche Vorbereitung, keine Illusion von Beständigkeit.

Die zweite Gruppe sind die Menschen, die seit Jahren oder Jahrzehnten mitten in dieser Arbeitswelt stehen. Sie haben ihre Identität, ihren Stolz und ihre Sicherheit über die Arbeit gewonnen. Wie gehen sie mit einer Veränderung um, die genau diesen Boden in Bewegung bringt? Man kann diesen Menschen nicht einfach sagen, sie sollen sich neu erfinden, und den Rest dem Markt überlassen.

Genau darin liegt für mich die eigentliche Herausforderung – und genau das ist das Thema, mit dem sich Politik beschäftigen müsste. Ich sehe nicht, dass das stattfindet. Ich sehe Debatten über das Renteneintrittsalter, während sich die Grundlage von Arbeit selbst verschiebt.

Warum ich als Unternehmer darüber schreibe

Ich bin kein Politiker und kein Zukunftsforscher. Ich bin Unternehmer – und ich schreibe darüber, weil ich die Verschiebung nicht aus Studien kenne, sondern aus dem eigenen Betrieb. Bei pxMEDIA und ONFYR Digital bauen wir die Systeme, über die andere noch diskutieren: Wir automatisieren Prozesse, wir lassen KI Aufgaben übernehmen, die früher Menschen gebunden haben. Ich erlebe jede Woche, wie schnell sich verschiebt, was möglich ist – und wie wenig davon in der öffentlichen Wahrnehmung ankommt. Wer sehen will, wie das konkret aussieht, dem gebe ich hier einen ehrlichen Einblick: Betriebsgeheimnis KI: Ein Abend im Chalet O.

Aus dieser Position heraus kann ich zwei Dinge sagen. Erstens: Die Entwicklung ist real, sie ist schnell, und sie wartet nicht auf gesellschaftliche Debatten. Zweitens: Sie muss kein Schrecken sein. Wenn man sie gestaltet, kann am Ende mehr Zeit für das stehen, was zählt. Aber gestalten heißt eben nicht abwarten.

Deshalb dieser Beitrag – kein fertiges Konzept, sondern ein Weckruf. Wir behandeln als Randnotiz, was in Wahrheit eine Zeitenwende ist. Für den einen großen Bruch haben wir gezeigt, dass entschlossenes Handeln möglich ist. Beim nächsten, mindestens ebenso großen, sollten wir nicht so tun, als sei es nur das nächste Werkzeug.

Der nächste Schritt – für Sie und für mich

Auf die große Politik habe ich keinen direkten Einfluss. Auf das, was in Unternehmen passiert, sehr wohl. Und da beginnt die Zeitenwende ohnehin zuerst: in den Betrieben, an den Schreibtischen, in den Werkstätten. Wer heute anfängt, einzelne Aufgaben klug zu automatisieren, gewinnt nicht nur Zeit zurück – er bereitet sein Team auf die Veränderung vor, statt von ihr überrollt zu werden.

Wenn Sie darüber nachdenken, was das für Ihr Unternehmen und Ihre Mitarbeiter bedeutet, dann lassen Sie uns reden. Nicht über Weltrettung, sondern über konkrete Schritte in Ihrem Betrieb. Lassen Sie uns das in einem kurzen Gespräch durchgehen.

Häufige Fragen zur KI-Zeitenwende

Warum ist KI eine Zeitenwende und kein einfaches neues Werkzeug?

Weil sie nicht einzelne Handgriffe bequemer macht, sondern die Grundlagen von Arbeit, Gesellschaft und Umgang mit Wissen verschiebt. Vergleichbar ist das am ehesten mit dem Aufkommen des Internets – nur greift KI tiefer und schneller. Es geht nicht um ein neues Google, sondern um einen Bruch, nach dem vieles anders funktioniert als vorher.

Werden wir durch KI wirklich weniger arbeiten?

Meine Überzeugung ist ja. Während politisch über spätere Renten, mehr Vollzeit und die Unmöglichkeit einer Vier-Tage-Woche gesprochen wird, verschiebt KI genau in die andere Richtung: Immer mehr Aufgaben, die heute Menschen binden, lassen sich automatisieren. Die eigentliche Frage ist deshalb nicht, wie wir mehr Stunden herausholen, sondern wie wir die verbleibende, wirklich menschliche Arbeit sinnvoll verteilen.

Was wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen, das nicht auf Sozialhilfeniveau liegt?

Wenn Arbeit nicht mehr der alleinige Weg zum Einkommen ist, braucht es eine Absicherung, die ein gutes Leben ermöglicht statt nur das Existenzminimum. Das ist keine fertige Antwort, sondern genau die Frage, mit der sich Politik heute beschäftigen müsste, bevor die Verschiebung voll durchschlägt.

Welche zwei Gruppen werden bei KI übersehen?

Erstens die jungen Menschen, die gerade für eine Arbeitswelt ausgebildet werden, die es in dieser Form bald nicht mehr geben wird. Zweitens die Menschen, die seit Jahren oder Jahrzehnten in dieser Arbeitswelt stehen und ihre Sicherheit über sie gewonnen haben. Beide Gruppen brauchen eine ehrliche Vorbereitung – und genau dort findet politisch nichts statt.

Was heißt das für mich als Unternehmer heute?

Warten Sie nicht auf die Politik. Die Verschiebung findet in den Betrieben längst statt – ich erlebe sie in meinen eigenen Unternehmen. Wer heute anfängt, einzelne Aufgaben zu automatisieren, gewinnt Zeit zurück und bereitet sein Team auf die Veränderung vor, statt von ihr überrascht zu werden.